Wenn Utopien zerbrechen und Bewegungen entstehen
Drei Schauplätze politischen Wandels im Fokus
Was verbindet Venezuelas gescheiterten "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", Kenias führerlose GenZ-Proteste und die humanitäre Katastrophe in Gaza?
Alle drei Geschichten erzählen von einem fundamentalen Wandel: Etablierte Systeme geraten unter Druck, Menschen gehen auf die Straße, und die Frage nach politischer Verantwortung wird neu gestellt.
In Venezuela zerbrach Hugo Chávez' emanzipatorisches Projekt an Korruption, Zentralisierung und äußerem Druck – heute sitzt Nicolás Maduro trotz umstrittener Wahlen fest im Sattel. In Kenia hingegen schreibt die Generation Z Geschichte: führerlos, stammlos, parteilos mobilisiert sie über soziale Medien gegen Steuerpolitik und für verantwortungsvolle Regierung. Und in Gaza offenbart sich, wie humanitäre Prinzipien zu politischen Instrumenten werden, während Menschen in existenzieller Not leiden.
Drei verschiedene Kontinente, drei unterschiedliche Krisenformen – aber ein gemeinsames Muster: Wenn etablierte Politik versagt, entstehen neue Formen des Protests. Die entscheidende Frage bleibt: Wo führt Widerstand zu echtem Wandel und wo versandet er in den Strukturen der Macht?
Euch allen eine erholsame Sommerpause!

Die Generation Z solls richten. | Foto: privat
Die Magazinbeiträge

Kenia
»Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut, auch wenn ihr denkt, dass wir nur in den Sozialen Medien existieren!«
Gen-Z Proteste in Kenia für eine bessere Politik
In Kenia haben ab Juni 2024 tausende Menschen auf den Straßen protestiert - zunächst wegen der Steuerpolitik, dann auch für grundsätzlich verantwortungsvolle Politik und gegen Polizeigewalt. Getragen wurde der Protest von der jungen Generation. Bilder der sogenannten GenZ-Proteste gingen um die Welt, mit Protestierenden, die Wasserwerfern und Tränengas trotzten und sogar das Parlament stürmten. Ein Jahr später, im Juni und Juli 2025, sind die Proteste erneut aufgeflammt – denn viele Forderungen sind immer noch unerfüllt. Ein Beitrag mit Stimmen von der Frauenrechtlerin Bina Maseno von Badili Africa, der Psychologin Salima Macharia und Angela Wangechi vom Institute for Social Accountability.

Gaza
»Man stelle sich vor, ganz Hamburg wäre nur über vier kleine Supermärkte versorgt.«
Interview mit Ralf Südhof, Direktor des Center for Humanitarian Action
Die humanitäre Situation in Gaza ist derzeit katastrophal. Fast alle Menschen leiden unter akutem Hunger, obwohl nur wenige Kilomenter entfernt tausende Hilfstransporter bereitstehen, um Hilfe zu leisten. Doch der Zugang wurde zuletzt immer wieder blockiert.
Ralf Südhof, Direktor des Center for Humanitarian Action, erläutert im Interview mit unserem Kollegen Anuk die dramatische Lage vor Ort und erklärt die Herausforderungen, mit denen Hilfsorganisationen konfrontiert sind. Er gibt Einblicke in die Arbeit von Organisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch und dem Internationalen Roten Kreuz, die sich für die Einhaltung des humanitären Völkerrechts einsetzen. Und erklärt, warum die Gaza Humanitarian Foundation von Anfang an ebenjenes nicht eingehalten hat.
Südhof spricht auch über die Rolle der deutschen Bundesregierung. Er kritisiert, dass Deutschland Israel bislang weitgehend freie Hand gelassen habe und damit eine Mitverantwortung für die schweren Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen trage, die seit dem 7. Oktober begangen wurden.

»Gescheiterte Utopie?« Es war einmal ein Sehnsuchtsort: Venezuela
Interview mit dem Politikwissenschaftler und Buchautor Tobias Lambert
In Venezuela rief der 1998 erstmals gewählte Präsident Hugo Chávez den »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« aus – eine gesellschaftliche Utopie, deren Umsetzung zumindest zeitweise zu gelingen schien. Elemente direkter Demokratie und staatliche Planung sollten weiten Teilen der Bevölkerung einen Lebensstandard sichern, der Zugang zu Bildung Gesundheit und politischer Beteiligung umfasste.
Nach dem Tod von Chávez und dem Einbruch der Erdölpreise geriet Venezuela in die schwerste Krise seiner Geschichte. Spätestens mit der umstrittenen Wiederwahl des Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro im vergangenen Sommer, gilt das »Modell Venezuela« vielen als gescheitert.
Der Politikwissenschaftler und Journalist Tobias Lambert stellte im Juli in Freiburg sein Buch »Gescheiterte Utopie? Venezuela ein Jahrzehnt nach Hugo Chávez vor«. Und er geht der Frage nach, wie es zu diesem ungeheuren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Niedergang kommen konnte.
